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Sind nicht alle Künstler Outsider?
25.10.2013
Sind nicht alle Künstler Outsider?
Das engagierte 3. Luxemburger Symposion warf Fragen auf
Luxemburg. Zum 3. Internationalen Outsider Art-Symposion hatte das psychiatrische Tages- und Hilfezentrum Centre Kompass in diesem Jahr nach Luxemburg-Stadt eingeladen. Das auf zwei Tage erweiterte Meeting fand in zwei Kultureinrichtungen statt: am 23. Oktober im Conservatoire de Musique sowie am 24. Oktober im städtischen Kulturzentrum Abtei Neumünster, im alten Stadtteil Grund. Sichtlich bemüht, das allgemeine kunstinteressierte Publikum stärker in die Diskussionen einzubeziehen, ist man in »normale« bekannte Lokalitäten gegangen und hat die Veranstaltung verstärkt über diese beworben.

An beiden Tagen fanden sich je fünfzig Gäste aus der Grenzregion zu Referaten, Kulturvorträgen und einer Podiumsdiskussion ein. Entsprechend der größten Besuchergruppe, welche aus dem fachlichen Gesundheitsbereich und so genannten Betroffenen (Patienten, Klienten) bestand, orientierten sich die Beiträge sehr an der psychiatrischen Perspektive der so genannten Außenseiterkunst.

Weitaus mehr Publikum zog die Lesung mit Schauspielerin Martina Gedeck an, die, verbunden mit der Uraufführung eines Klavierzyklus zu Werken von Frida Kahlo, ein gelungener Ausklang am Mittwochabend war. Auch die kurzfristig eingesprungene Beate Sarrazin vom Düsseldorfer Theater Anderswo mit ihrer biografischen Ein-Frau-Theaterperformance gleichfalls zu Kahlo machte die zuvor wenig Neues hervorbringende Gesprächsrunde zum Thema Outsider Art wieder wett. Zu sehr ergingen sich die Gesprächspartner in Allgemeinplätzen und Binsenweisheiten, zeitweise verließ man das Thema. So beflügelte dies eher Vorurteile gegenüber seelisch Leidenden, als diese zu entkräften. Der Moderator (ein luxemburgischer Psychiater) erlaubte sich den Fauxpas, eine psychiatrieerfahrene Dame zu fragen, ob sie sich »auch als Frau als Outsiderin« fühle (!). Dementsprechend passiv war die Publikumsbeteiligung.


Kreative Selbsthilfe erstmals mit Stand

Als zusätzlicher Ort für informellen Informationsaustausch erwies sich der Infostand der überregional arbeitenden Kreativ-Selbsthilfe SeelenLaute Saar und der Selbsthilfe SeelenWorte RLP (Saarburg/Trier). Unterstützt wurden sie vom Büro für Kultur- und Sozialarbeit Saar sowie vom europäischen inklusiven Kunstprojekt Art-Transmitter. Insbesondere die dort angebotene deutsche Selbsthilfezeitschrift »Lautsprecher-SeelenLaute« traf auf starkes Interesse der Besucher. In Luxemburg fehlt es an organisierter Psychiatrieerfahrenen-Selbsthilfe, mit Sprechern und Ansprechpartnern für Politik, Gesundheitssystem und Veranstaltungen. Ein wesentlicher Grund hierfür ist sicherlich auch die fehlende Finanzierung, wie sie in Deutschland sinnvoll über die Selbsthilfeförderabgaben der gesetzlichen Krankenkassen existiert. Ein Betroffenenverband wie der Bundesverband Psychiatrieerfahrener (BPE) e.V. fehlt in Luxemburg ebenfalls. So verwundert es nicht, dass neben öffentlichen und anderen Unterstützern die Pharmawirtschaft wichtiger Sponsor des Outsider Art-Symposion ist. Eine nicht unumstrittene Praxis, von der sich der Veranstalter lösen möchte, wie noch 2012 zu hören war.

Am Donnerstagmorgen führte der Wuppertaler Kunstsammler und Outsider Art-Experte Dr. Turhan Demirel versiert in Thema und Tag ein. Erneut forderte er, alle Schranken in Bezug auf die Kunst fallen zu lassen, die universell zu betrachten sei. Prof. Dr. Wolfgang Werner, ehemaliger Direktor der saarländischen Psychiatrie in Merzig, bestach mit einem profunden Vortrag zu Munch und Rimbaud, illustriert mit Bildern wie dem berühmten »Schrei«. Werner machte deutlich, dass das »Gesamtkunstwerk Mensch« zähle. Jeder habe seine Geschichte, sein individuelles Leben zu schreiben. »Mensch, werde wesentlich«: dies mache Kunst aus, sie helfe zu Freiheit und Selbstbestimmung. Somit gehe Outsiderkunst uns alle an, denn es gehe um uns.

Dr. Walczewski, Psychiater am polnischen Babinski-Klinikum, referierte die Historie und das heutige Arbeiten dieses alten Krakauer Klinikums mit seinen Künstlern, Ateliers, Workshops und Ausstellungen. »In meinen Freiräumen«, so der Titel der Ausstellung mit rund dreißig Exponaten der »Babinski-Künstler«, deren Vernissage den passenden Ausklang des diesjährigen Symposions am Abend markierte.

Auf große Aufmerksamkeit stieß zudem der Vortrag von Prof. Christoph Zuschlag vom Institut für Kunstwissenschaft und Bildende Kunst in Koblenz. Konkret, gründlich und kritisch der eigenen Zunft gegenüber befasste er sich mit der deutschen Kunstpolitik im Nationalsozialismus (»Entartete Kunst«). Zuschlag bestätigte in seinem Fazit, dass neben deutscher Kirche und Medizin auch die Kunsthistoriker seit den 1920er Jahren wesentliche Wegbereiter und alsdann Mittäter der nachfolgenden barbarischen Ereignisse waren, deren dunkle eigene Geschichte bis heute nicht richtig aufgearbeitet ist.


Kunst braucht keinen Arzt!

Wichtig wie immer die Gespräche und Kontakte »zwischendurch«. Dabei wurde neben explizitem Lob für das Veranstalterteam des Centre Kompass auch der Wunsch nach besserer Fokussierung aufs eigentliche Sujet: die so genannte Outsider Art laut. Eine Überzahl an Ärzten unter den Referenten und Diskutanten führt zu verengter Sichtweise und widerspricht letztlich dem eigenen Bestreben nach Inklusion. Lieber sollte man mehr Referenten aus der Szene der Bildenden Kunst und aus kulturell arbeitenden Psychiatrieerfahrenen-Initiativen gewinnen. Auch ist Kunsttherapie nicht gleich Kunst oder Outsider Art. Begriffe, die hier oft durcheinander gehen. Darüber hinaus ist es anno 2013 nicht nötig, über Betroffene zu reden. Vielmehr können diese selbst zu Sinn und Unsinn der Outsider-Debatte sprechen sowie diesbezügliche Defizite auf der Rezeptionsseite bzw. in der Gesellschaft aufzeigen. In diesen Problemen liegt vermutlich das größte Dilemma sozialpsychiatrisch veranstalteter Outsiderkunst-Events wie der Luxemburger Konferenz.

»Alle Künstler sind Outsider. Oder es sind keine richtigen Künstler.« Diese treffende Anmerkung eines Teilnehmers in der Mitte der Luxemburger Konferenz ist vielleicht ein Ansatz für das Symposion 2014, wenn sich die am Thema Interessierten und Ambitionierten wieder im Großherzogtum treffen. Dann kann man ja vielleicht auch, statt sich auf »Vorzeige«-Prominente wie Munch, Kahlo, Schumann, van Gogh etc. zu fokussieren, mehr authentische autodidaktische Maler und Kreative von heute, mit und ohne so genannten psychiatrischen Hintergrund, in die Gesprächspodien, auf die Performancebühnen und an die Rednerpulte holen. Gilt es doch Grenzen zu verwischen und aufzulösen.


In der normalen Kunstszene ankommen

Ein Schwenker nach Frankreich demonstriert, wie es anders geht. Der Autor besuchte die Art Brut/Outsider Art-Ausstellung (September 2013 bis Sommer 2014) im Museum Halle St. Pierre in Paris. 400 Werke von 80 »self-taught« Künstlern unterschiedlichsten Charakters aus aller Welt aus dem 20. und 21. Jahrhundert werden vom englischen Fachmagazin Raw Vision präsentiert. Schätzungsweise ein Viertel – so kann man den Künstlerbiographien entnehmen – weisen psychische, geistige, gesundheitliche oder intellektuelle Besonderheiten auf. Doch hier in Frankreich bleibt dies zum Glück marginal. Es zählt die ausdrucksstarke Kunst. Bei Vernissage und Pressetermin sind Psychiater weder Redner noch als Besucherklientel erkennbar, sondern die spezifische Kunstszene trifft sich. Und es kommt das kunstinteressierte Museumspublikum, darunter viele Studenten. Alles normal also. Ebenso normal der Einbezug z.B. von Werken von August Walla oder Adolf Wölfli auf der ersten professionell-kommerziellen Outsider Art-Messe in Paris im Oktober, ein »Eroberungsversuch« aus den USA, wo es die Fair schon 20 Jahre gibt und Outsider Art z.B. auch amerikanische Volkskunst umfasst. Auch in England oder den Niederlanden geht man unbeschwerter, freier mit Outsider Art um. Der Begriff wird sich über lang auch bei uns ohne Anführungszeichen im positiven Sinn als Kunstmarke durchsetzen. Freilich sollte gerade heute jeder (lebende) Künstler selbst bestimmt wissen, was und wohin er mit seiner Kunst will und sich ggfs. schützen vor Vereinnahmung durch Markt, Medien oder Medizin.

Aus all diesen Erfahrungen könnten neue, weiter führende »grenzüberschreitende« Impulse für das Luxemburger Outsider Art-Symposion 2014 im Herzen Europas erwachsen. Bedingungen wären ein Umdenken in der Finanzierung und die Entwicklung zu einer - noch spannenderen - Veranstaltung ohne primär psychiatrischen Blickwinkel. Das eigentliche Unterfangen regelt die Kunst, ihre Akteure und Agenten. Sie ist gesund, heilt, - therapiert alle.


© Text und Foto(s): bks/Gangolf Peitz, Saarbrücken
20.10.2013
SeelenWorte RLP in Selbsthilfe alternativ aktiv
Kreatives Fachveranstaltungsprojekt 2013 erfolgreich
Saarburg (Rheinland-Pfalz). Dank guter Unterstützung durch die regionalen Kassen BKK Pfaff, BKK Pfalz, BKK Vital und pronova BKK, sowie sehr tatkräftig schließlich durch die DAK Gesundheit, konnte das Selbstprojekt 1/2013 der rheinland-pfälzischen Selbsthilfegruppe „SeelenWorte RLP“: „Kunst und Kultur als Basis seelischer Gesundheit“ mit 3 Fachveranstaltungen mit Vorträgen, Literaturpräsentation, Diskussion sowie begleitendem Beratungsdienst als Informationsprojekt an drei Nachmittagen in Saarburg (Cafe Hackenberger 13.4./24.8., und 15.10. in Privatwohnung Am Staden/Nähe Mehrgenerationenhaus) auf hohem Niveau realisiert werden. Zwei Vertreter der saarländischen kulturellen Selbsthilfe „SeelenLaute“, ein Mitarbeiter des Inklusionsfördernden europäischen Kunstförder-projektes der Europäischen Gesellschaft zur Förderung von Kunst und Kultur in der Psychiatrie e.V. (Dortmund), sowie ein Regionalvertreter des Bundesverbandes Psychiatrieerfahrener BPE e.V. (Trier) referierten detailliert zum Zusammenhang von seelischer Gesundheit und kreativer Beschäftigung, gerade über den Weg selbstbestimmter, nicht professionell-therapeutischer, vielmehr selbsttherapeutischer Aktivitäten Betroffener, mit neuem Schwerpunkt 2013, nämlich zu „Befreiendem Schreiben für die Seele“ und dsbzgl. Selbsthilfemöglichkeiten in der Region Mosel bzw. Rheinland-Pfalz. Ein Online-Sonderdienst informierte begleitend über entsprechende Selbsthilfeaktivitäten an Saar und Mosel, vernetzte, stellte Kontakte her, gab spezifische Hilfe zur Selbsthilfe. Ein telefonischer Beratungsdienst leistete zu insgesamt 47 Anrufern Beratung, ergänzt um 38 Beratungen per E-Mail. Die Auslagen mit Infoprospekten und gesundheits-bezogener, betroffenenorientierter Literatur zum Themenkreis rundeten die gut besuchten Veranstaltungstage ab. Selbsthilfe SeelenWorte RLP sprach in der Nachbesprechung von einem großen Erfolg, mit starker Nachfrage von interessierten Betroffenen, aber auch von Angehörigen und professionellen Kräften. Insgesamt nutzten über 100 Personen (Trier-Saarburg, und bis aus Kaiserslautern und Mainz) die Veranstaltungen dieses Projektes aus der Selbsthilfe mit Betroffenenkompetenz. Angespornt durch die erfreuliche Akzeptanz will die engagierte Selbsthilfeinitiative auch 2014 weiter in dieser Richtung tätig sein.
museum gugging zeigt: small formats.!
11.10.2013
museum gugging zeigt: small formats.!
Vernissage am 16. Oktober in Österreich
Maria Gugging (Österreich). Das kleine Format stand am Beginn aller Kunst aus Gugging. Ursprünglich im Rahmen von Testzeichnungen verwendet, verselbstständigte sich die kleine Form zunehmend zum Eigentlichen: zum Ausdruck absoluter Konzentration. Denn auf 10,5 mal 14,8 Zentimetern kann man nichts verstecken, nichts zudecken. Der Kreative ist gezwungen, höchst bewusst ein Werk zu schaffen, das alles zeigt. Der Strich, die Farbgebung, jede Struktur muss präzise sein, um ein Blatt von Bedeutung zu erlangen. Rund dreihundert Werke von über zwanzig Künstlern bringen den Besucher in dieses Reich des oftmals humorigen kleinen Formats, in ein Land des Lächelns, regiert von den Gugginger Künstlern.

Die Ausstellung „small formats.! – Das kleine Format ganz GROSS“, ist vom 17. Oktober 2013 bis 9. März 2014 zu besichtigen. Die Eröffnung ist am Mittwoch den 16. Oktober 2013, um 19.00 Uhr.

museum gugging
Am Campus 2, A-3400 Maria Gugging
Österreich
phone: +43 (0) 2243 87087
fax: +43 (0) 2243 87087 372

Im Netz der gesamte Ausstellungsüberblick, sowie weitere Informationen unter
www.gugging.at
Termine

20.11.2017
22.11. galerie gugging
Vernissage "Navratils Künstlergästebuch“
Maria Gugging (Österreich). Die Eröffnung der Ausstellung „Navratils Künstlergästebuch“ findet am 22. November 2017 um 19.00 Uhr statt und ist bis 14. mehr
15.11.2017
Pop-Up Outsider Art in Rotterdam
Dezember 2017 neues Museum
Rotterdam (Niederlande). In Rotterdam eröffnet Stichting Cultureel Rijk ein temporäres Museum der Outsider Art. „The Pop-Up Grow Big Museum“ zeigt im mehr
02.11.2017
„Kunst und Psychiatrie“-Symposion am 15.11. in Echternach

Echternach (Luxemburg). Wie PSYCHART asbl aus Luxemburg mitteilt, veranstaltet man ein 6. Symposion „Kunst und Psychiatrie“ am 15. November 2017 von 1 mehr